Der Fall Mollath

Eine Webreportage des Nordbayerischen Kuriers

In der Ehe

Gustl Mollath und Petra M.: Die Trennung eines Paares schreibt immer zwei Geschichten. Ihre Version und seine Version. Nur beide zusammen können dem, was gewesen sein könnte, nahe kommen.

Bei den Mollaths hat sich seine Version besser verkauft: Gustl Mollath, ein etwas schrulliger, aber durch und durch redlicher Unternehmer, der unter den schmierigen Bank-Geschäften seiner Frau leidet. Aus tief empfundener Liebe will er sie davon abbringen, flehend. Als sie sich weigert, zeigt er sie an.

Sie, eine eiskalte Bankerin, zahlt es ihm mit den Waffen einer Frau heim: Sie behauptet, Gustl Mollath habe sie geschlagen, gewürgt, getreten, gebissen und eingesperrt. Sie behauptet, er bedrohe und verfolge sie. Sie behauptet, er besitze ein Gewehr. Sie zeigt ihn an und nicht nur das: Sie hat durch ihre Bankgeschäfte Beziehungen und lässt ihn für verrückt erklären und ihn in die Psychiatrie einweisen.

Damit nicht genug: Sie nimmt ihm auch alles, was er hat: Haus, Geld und die geliebten Oldtimer. Danach führt sie mit ihrem neuen Partner und einem dicken Konto in der Schweiz ein angenehmes Leben. Und er, der ehemalige Unternehmer, der mehrere Ferraris besaß und ein stattliches Vermögen, findet sich grundlos „verräumt“ in psychiatrischen Anstalten wieder. Bis heute weiß er nicht, wo sein Besitz hingekommen ist.

Petra M. erzählt eine andere Version. Sie erzählt sie nicht so laut und nicht so vielen Menschen wie Gustl Mollath. Sie möchte nur eines: Ihre Ruhe haben, ihr Leben leben. Vor zwölf Jahren hat sie mit ihm abgeschlossen. Ja, sie hat Gustl Mollath damals verlassen, nach mehr als 20 Jahren. Der Mann, den sie kennen gelernt hatte, war ein anderer geworden.

 

 

Er war sowieso anders, als sie es sich erhofft hatte. Aus seinem Ingenieur-Studium wird nichts, er bricht es ab. Die Stelle bei einem Maschinenbau-Unternehmen kündigt er. Im Keller seines Hauses beginnt er, mit Motorradreifen zu handeln. Dann mietet sich Gustl Mollath eine kleine Werkstatt, 90 Quadratmeter groß, und macht sich selbstständig.

Sie steigt in die Werkstatt mit ein, merkt aber bald, dass das Geschäft nicht läuft. Nach nur einem Jahr hat sie Angst, ohne Geld da zu stehen. Sie findet einen Job bei der Bank, bildet sich weiter und schafft es bis ins Privatkundengeschäft. Sie betreut keine Millionäre, aber ein vermögendes Klientel. Da seine Werkstatt immer noch nicht läuft, pumpte sie das Geld hinein, das sie in der Bank verdient. Sie zahlt die monatliche Miete, kann das noch heute mit Kontoauszügen nachweisen. Sie gewährt ihm Kredite, was sie mit Verträgen nachweist. Steuerrückzahlungen fließen aufs Geschäftskonto, auch hierfür hat sie, ganz Bankerin, die Belege noch.

Als sie sich von ihm trennt, hat er etwa 300.000 Mark Schulden bei ihr. Was sie auf sein Privatkonto überwiesen hat, auch dafür liegen Belege bereit, kann sie nicht geltend machen. Das ist der Preis einer Ehe.

Im Jahr 2000 muss Gustl Mollath seine Werkstatt schließen. Er sitzt fortan nur noch zu Hause, schaut fern, schreibt Briefe, engagiert sich für den Weltfrieden. Oft hat er die Rollläden heruntergezogen. Sie macht Karriere in der Bank. Er schlägt sie, nicht immer, aber immer wieder. Das hatte sich schon vor der Ehe angedeutet. Die letzten Jahre wird es schlimmer. Sie verlässt ihn auch ein paarmal, kehrt aber immer wieder zurück. Dann schafft sie es, sich endgültig zu trennen, nimmt sich eine Wohnung.

Doch ihre Hoffnung, frei zu sein, zerstört er. Es kommen Briefe, Anrufe, Faxe, er verfolgt sie überall hin, macht Fotos, bedrängt sie und ihre Verwandten. Sogar um Geld bittet er. Gustl Mollath will, dass sie zurückkommt. Sie fühlt, er werde sein Leben nicht meistern können, aber sie bleibt auf ihrem Weg. Monate nach der Trennung kommen die ersten Briefe, in denen er seiner Frau  Schwarzgeldgeschäfte unterstellt. Belege hat er bis heute keine dafür. Vorher, sagt sie, war das nie ein Thema gewesen. Die Situation eskaliert in dem Haus, in dem sie ihre neue Wohnung hat. Gustl Mollath streitet sich mit ihrem Bruder, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Ihr Bruder steht plötzlich im Fokus der Polizei. Da reicht es ihr.

Um ihre Familie zu schützen, zeigt sie Gustl Mollath an. Rosenkrieg? „Nein“, sagt sie. Er habe sie nicht in Ruhe gelassen, und sie habe Angst gehabt. Und sie wollte ein neues Leben, mit einem neuen Mann, in den sie sich ein halbes Jahr nach ihrer Trennung verliebt hatte. Mit ihm will sie etwas aufbauen.

Durch die Anzeigen Mollaths hat sie ihre gut bezahlte Stelle verloren. Sie hatte Provisionen hinter dem Rücken der Bank eingestrichen, mehr nicht. Jetzt will sie wenigstens das Geld zurückhaben, das sie in seine Werkstatt gesteckt hat. Ein Gericht ordnet die Zwangsversteigerung seines Hauses an. Sie räumt es aus, ersteigert es und verkauft es dann. Und sie hat immer noch keine Ruhe wegen ihm.

Welche der beiden Versionen „wahr“ ist? In vielem überschneiden sich die Geschichten. Die schönen Zeiten bei Oldtimer-Rennen, die Fahrten nach Italien und in die Schweiz, die Liebe zu schönen Dingen und schnellen Autos.

In vielem widersprechen sie sich aber auch. Petra M. sagt, es habe Gewalt gegeben. Gustl Mollath widerspricht. Er sagt, während der ganzen Ehe sei er gegen ihre Schwarzgeld-Geschichten gewesen. Sie widerspricht und sagt, er habe ihren Job in der Bank grundsätzlich nicht gemocht. Er sagt, er habe die Hilfe seiner Frau nicht gebraucht. Sie sagt das Gegenteil. Jeder Kampf um die Deutungshoheit in einer Ehe ist aussichtslos.

Noch heute sagt er, von ihr sei nichts Gutes zu erwarten.

Sie ist nicht sauer auf ihn, auch nicht böse. Sie sagt: „Er ist krank.“

Sie wundert sich nur, dass er seine Habseligkeiten noch nicht abgeholt. Sie hat sie für ihn aufbewahrt.

 

Vor Gericht

Was ist, wenn Gustl Mollath krank ist? Sieben erfahrene Psychiater stellen das über sieben Jahre immer wieder fest. Hans-Ludwig Kröber aus Berlin, Thomas Lippert aus Nürnberg, Klaus Leipziger aus Bayreuth, Karl Simmerl aus Mainkofen, Friedemann Pfäfflin aus Mainkofen und Gabriele Krach aus Erlangen. Und was ist, wenn Gustl Mollath gefährlich ist? Auch daran haben die Fachleute festgehalten, weswegen er nicht in Freiheit entlassen wurde.

Die Vorstellung, dass Gustl Mollath gesund ist, ist genauso schlimm wie die, dass er krank ist. Denn wäre er gesund, wäre er ohne Grund sieben Jahre eingesperrt gewesen. Wäre er so krank, wie die Gutachter feststellten, wäre am 6. August 2013 um 12.15 Uhr ein gefährlicher Mensch aus dem Bezirkskrankenhaus Bayreuth entlassen worden. Bis jetzt ist kein Vorfall öffentlich geworden, aus dem sich hätte ableiten können, dass Gustl Mollath gefährlich ist.

Das sehen vier Menschen am 8. August 2006 am Landgericht in Nürnberg ganz anders: die beiden Schöffen Karl-Heinz Westenrieder aus Büchenbach und Erika Herzog aus Lonnerstadt, die beisitzende Richterin Petra Heinemann sowie der Vorsitzende Richter Otto Brixner. Dieses Gericht spricht Gustl Mollath frei, weil es ihn wegen seiner Wahnkrankheit für schuldunfähig hält. Und dieses Gericht, zwei Schöffen und zwei Richter, lässt ihn in der Psychiatrie unterbringen, weil es ihn für gefährlich hält. Er soll seine Frau misshandelt haben und 129 Autoreifen durchstochen haben. Und zwar so, dass die Luft erst beim Fahren entweicht. Die Autos mit den zerstörten Reifen gehörten in den meisten Fällen Personen aus dem Umkreis von seiner Frau und solchen Personen, die mit seinem Fall zu tun hatten.

 

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Gustl Mollaths Kampf gegen die Justiz beginnt im September 2003. Er steht damals, also Monate vor den angeblichen Reifenstechereien, vor dem Amtsgericht Nürnberg: wegen Körperverletzung (er soll seine Frau misshandelt haben), Freiheitsberaubung (er soll seine Frau in ein Zimmer gesperrt haben) und Briefdiebstahl (er soll Briefe an seine Frau aus dem Briefkasten ihrer neuen Wohnung gestohlen haben). Wirre Briefe an Richter, Politiker und Banker, sein Auftreten vor Gericht und die Stellungnahme der Psychiaterin Gabriele Krach veranlassen den damaligen Nürnberger Amtsrichter Alfred Huber, Mollath auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen.

Es geht dem Richter nicht darum, ihn auf Allgemeingefährlichkeit untersuchen zu lassen oder ihn gar unterzubringen. Nach Richter Hubers Einschätzung besteht die Möglichkeit, dass GustlMollath die ihm vorgeworfenen Taten im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen haben könnte. Eine Verurteilung käme dann nicht infrage. Mollath weigerte sich, mit dem Psychiater Thomas Lippert zu sprechen, Termine in dessen Praxis lässt er verstreichen.

In der nächsten Verhandlung steht Gustl Mollath vor einem neuen Richter, Armin Eberl. Es ist der 20. April 2004, die Reifenstechereien werden ihm noch nicht vorgeworfen. Psychiater Lippert sagt nach der Verhandlung, nur aus der  Beobachtung des Angeklagten, „vermutlich“ liege eine Psychose vor. „Es besteht die Gefahr, dass unbeteiligte Dritte Opfer werden können.“ Er empfiehlt eine stationäre Behandlung. Erst nach den neuen Vorwürfen der Reifenstecherei steht eine Unterbringung im Raum, weil durchstochene Reifen „Taten von erhöhter Gefährlichkeit“ sein könnten. Denn wenn die Vorwürfe stimmen, war das Leben der Fahrer in Gefahr.

Und wenn die Vorwürfe stimmen, hätte Gustl Mollath seine angebliche Aggression nicht mehr nur gegen seine Frau gerichtet. Die nächste und letzte Verhandlung findet vor dem Landgericht Nürnberg statt. Sie dauert nahezu sieben Stunden, die reine Verhandlungsdauer aber liegt bei knapp vier Stunden. Mit seinem Pflichtverteidiger, dem Nürnberger Rechtsanwalt Thomas Dolmany, spricht Gustl Mollath nicht. Dolmany erinnert sich nicht mehr an diese Verhandlung. Nur noch daran, dass Gustl Mollath mit einer Zahnbürste im Revers kam und die Prospekte und Bücher von den Nürnberger Prozessen vor sich ausgebreitet und auch daraus vorgelesen habe.

Der Morgen der Verhandlung gehört Gustl Mollath. Er weigerte sich schon länger, mit seinem Pflichtverteidiger Thomas Dolmany aus Nürnberg zusammenzuarbeiten. Beide, der Anwalt und sein Mandant, hatten mehrfach darum gebeten, diese Zwangsverbindung zu trennen. Ein Wunsch, dem weder Richter Brixner noch Richter Eberl nachkommen. Im Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtages zum Fall Gustl Mollath im Juni 2013 begründet Eberl dieses Vorgehen mit der Sorge, dass der Angeklagte dann ohne Anwalt dagestanden hätte. Denn Mollath hatte schon seinem vorigen Anwalt  das Mandat entzogen.

Am Ende der fast sieben Stunden langen Verhandlung gibt Brixner dem Verurteilten  eine Warnung mit auf den Weg: Er werde lange nicht wieder freikommen, sagt der Richter. Wenn er so weitermache. Er sollte Recht behalten.

In der Psychiatrie

Er leidet „an einer schweren psychischen Krankheit“. Das schreibt Gustl Mollath selbst über sich. In einem Brief aus dem Bezirkskrankenhaus in Straubing, geschrieben 2007. Er ist gerade dabei, gegen seine Ex-Frau zu klagen und beantragt Geld vom Staat für den Prozess. Angeblich habe sie seine persönliche Habe an sich gerissen. Die Prozesskostenhilfe bekommt er nicht. Aber er kämpft fortan weiter. Um seine Sicht der Dinge und vor allem um seine Freiheit.

Aus Sicht der Ärzte ist er ein schwieriger Patient. Einer, der sich weigert, mit ihnen zu reden. Der jede Therapie ablehnt, später auch Sportangebote nicht wahrnimmt. Die Angebote, Medikamente zu nehmen, schlägt er aus. Seine Begründung: „Die wollten einen Zombie aus mir machen, der sabbernd über den Gang wackelt.“ Den Psychiatern misstraut er, Ärzte und Personal hält er für nicht qualifiziert. Er attestiert ihnen eine gefährliche „Dreier-Mischung“: Sie seien „alle selbst psychisch krank“, „kriminell“ und „blöd“.

Gustl Mollaths Waffe ist die Beschwerde: über die schlechte Behandlung, über nicht biologisches Essen, über die Telefonzeiten, über die nächtlichen Zimmerkontrollen. „Mehrere Aktenordner“ füllen die Beschwerden im Bezirkskrankenhaus in Bayreuth, wo er mehr als vier Jahre verbringt, sagt Karsten Schieseck, der Anwalt der Klinik. Auch Mitpatienten sagen: „Der hat sich gewehrt.“ Er sei „gleich mit Anwalt gekommen“. Sie sagen aber auch, dass Gustl Mollath sie „genervt“ habe.

 

 

Anwälte versuchen, eine Möglichkeit zu finden, Gustl Mollath aus der Klinik herauszuholen. Sie scheitern. Einer von ihnen möchte seinen Namen nicht in der Öffentlichkeit sehen. Bezahlt hat ihn ein ehemaliger Münchner Kunst- und Teppichhändler, der sein eigenes Schicksal mit dem von Mollath vergleicht. Auch er sollte in der Psychiatrie untergebracht werden, auch in seinem Fall soll die Ehefrau dies angestrengt haben. Aber der Kunsthändler konnte in die Schweiz fliehen.

Er telefoniert 20 Mal mit Gustl Mollath. „Ich hab gleich gemerkt, dass da was nicht stimmt in dem Fall“, sagt er. Doch sein Vorhaben, Mollath schnell aus der Psychiatrie zu holen, scheitert. Der Anwalt gibt auf. In Pullach bei München trifft sich der Kunsthändler wenig später mit Wilhelm Schlötterer, einst Bayerns oberster Steuerfahnder, der Gustl Mollath unterstützt hat. Man wollte „Parallelen“ zum Fall des Kunsthändlers herausarbeiten. Eine davon waren die Gutachten, die Mollath Wahnvorstellungen attestierten. Im Laufe der Jahre wächst der Unterstützerkreis von Gustl Mollath, zu dem auch Prominente wie die Sängerin Nina Hagen gehörten.

Gustl Mollath brachte viele Menschen in Verbindung mit dem – wie er es nannte – größten Schwarzgeld-Verschiebe-Skandal Deutschlands, bei dem es um viele Milliarden Euro gehen sollte. Vor allem Kollegen seiner Frau, aber auch Bekannte, Verwandte und selbst Angehörige der Justiz und Gutachter sah er in einer gewaltigen Verschwörung. Dass das Bezirkskrankenhaus Bayreuth ein Konto bei der Hypovereinsbank hatte, führte er dazu etwa als Beweis an. Er sieht sich bis heute als Opfer einer Intrige, weil er diese angeblichen Missstände aufgezeigt hatte.

Allerdings spielte das angebliche Wahnsystem Mollaths für die Beurteilung seiner Gefährlichkeit eine untergeordnete Rolle. Maßgeblich dafür waren die angebliche Körperverletzung seiner Frau und die 129 durchstochenen Reifen. Mit den Ärzten in der Psychiatrie sprach er darüber nicht. Die Ärzte wiederum dokumentierten bei ihm aggressives Verhalten, übersteigerte Ich-Bezogenheit, ein negativ geprägtes Weltbild und Uneinsichtigkeit in seine Wahnkrankheit. Eine verfahrene Situation, eine Annäherung beider Seiten war nicht mehr möglich. „Das ist für beide Seiten blöd“, sagte der Stellvertretende Leiter der Bayreuther Forensik, Michael Zappe.

Auf Lockerungen während der Zeit in der Psychiatrie ließ Gustl Mollath sich nicht ein. Er verweigerte den Ausgang und betrieb seine Freilassung mit Briefen und mit Hilfe seines Unterstützerkreises. Nur an seinem Geburtstag im Jahr 2011 verließ er den geschlossenen Bereich. In der Kapelle des Bezirkskrankenhauses in Bayreuth machte ein Freund jene Amateur-Aufnahmen, mit denen Mollath und sein Fall bekannt wurden. „Mein Name ist Gustl Ferdinand Mollath, ich stamme aus Nürnberg und bin in eine absolut unglaubliche Geschichte geraten.“

 

Wieder vor Gericht

Wer hat’s gefunden? Ausgerechnet der Spiegel. Jenes Nachrichtenmagazin, das so gar keinen Skandal im Fall Gustl Mollath sehen wollte, hat zuerst jenen winzig kleinen Grund entdeckt, weswegen der Prozess gegen Gustl Mollath neu aufgerollt wird. Es ist nur eine Formalie. Das Attest, mit dem der Nürnberger Arzt Markus Reichel die Verletzungen Petra M.s dokumentierte, trägt zwar seine Unterschrift. Aber der Briefkopf stammt von seiner Mutter, Madeleine Reichel. Das ist der einzige Grund, wegen dem Mollaths Anklage aus dem Jahr 2006 ab dem 7. Juli 2014 neu verhandelt wurde.

Seit sieben Jahren hat kein Anwalt, kein Unterstützer Mollaths diesen feinen Haarriss in den Aktenordnern des Falles gefunden. Man hielt das Attest für gefälscht, die Beschuldigungen Gustl Mollaths für falsch, seine Ex-Frau für eine Lügnerin, den Richter für befangen, sogar für einen, der das Recht gebeugt hat.

Ein angeblich neuer Zeuge tauchte auf: Ein Zahnarzt aus Bad Pyrmont wollte sich plötzlich Jahre nach der Unterbringung seines alten Freundes Gustl Mollath daran erinnern, wie dessen Frau drohend bei ihm anrief. Gustl solle sie in Ruhe lassen, dann könne er 500.000 Euro von seinem Geld wiederhaben. Jedes juristisch zweifelhafte Detail – und davon gibt es einige – wurde zum Skandal ausgerufen. Aber nichts davon rechtfertigte es, den Prozess neu aufzurollen.

Nur jenem „unechten Dokument“ hat es Gustl Mollath zu verdanken, dass er die Chance bekommt auf das, was er sich am meisten wünscht: Rehabilitation. Die Bestätigung, dass keiner der Anklagepunkte gegen ihn haltbar sein wird. Dass er das Landgericht Regensburg als unschuldiger Mann verlassen kann. Dass er Schadenersatz bekommt für all die Jahre. Letztlich ist dieser Wunsch Mollaths seine Unschulds-Erklärung: „Ich habe die mir vorgeworfenen Taten nicht begangen.“ Und er sei nicht psychisch kranke. Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung.

 

Angeklagt war Gustl Mollath, wie beim Prozess 2006, weil er seine Frau misshandelt haben soll und 129 Reifen so durchstochen haben soll, dass sie erst beim Fahren die Luft verlieren. Er soll die Taten in einem wahnhaften Zustand begangen haben.

Dem Magazin der Süddeutschen Zeitung sagte Gustl Mollath kurz vor dem Prozess, das System werde versuchen, „mir irgendwas anzuhängen, um sich selbst reinzuwaschen“.

Was sie ihm „anhängen“ wollen, heißt juristisch „Anklage“. Und die liest sich brutal: Dass jemand mehr als 20 Mal auf seine Frau einschlägt, ohne Grund. Dass er sie beißt. Dass er sie aufs Bett wirft. Dass er sie einsperrt. Und dass er, wenn sie auf dem Boden liegt, auf sie eintritt. In die untere Körperhälfte. Und dass jemand nachts durchs winterkalte Nürnberg zieht, binnen zwanzig Sekunden einen Reifen nach dem anderen durchsticht. Gust Mollath hat bisher nichts oder nur Vages zu dem gesagt, was sie ihm „anhängen“ wollen. Das sollte sich jetzt, wo er wieder vor Gericht steht, ändern. Frank und frei, so wollte er sich verteidigen. Wenn nur der Gutachter nicht wäre …

Professor Norbert Nedopil, graue Haare, die Eminenz in Sachen psychiatrischer Gutachten, der Mann für die besonderen Fälle. „Professor Nedopil hat nicht die erforderliche Qualität, die ein Gutachter haben muss“, sagt Gustl Mollath. Sein Urteil über Nedopil lässt wie viele seiner Urteile keinen Raum für Zwischentöne. Es ist ein Entweder-oder, wie sein Entschluss in der Psychiatrie zu bleiben: „Gerechtigkeit oder Tod, das ist mein Angebot“. Er könne einfach nicht, wenn der Gutachter im Gerichtssaal sitzt. Er fühle Angst und Beklemmung. Zu viele schlechte Erfahrungen habe er mit Gutachtern gemacht, obwohl er mit den wenigsten gesprochen hat. Gustl Mollath zieht Zeitungsartikel aus seinen Ordnern, die belegen sollen: „Gutachter liegen meist daneben.“

Und dann schlägt das „System“ zurück, jenes System, gegen das er seit Jahren kämpft. Das ihn in die Psychiatrie gebracht hat. Das ihm jetzt auferlegt hatte, den Gutachter auszuhalten. Jenes System heißt Strafprozess-Ordnung. Und es ist jenes System, dem er vorwirft, dass es bei seinem Prozess 2006 nicht richtig funktioniert habe.

Und es ist jenes System, das ihn nach 15 Verhandlungstagen und mehr als 40 Zeugen vor dem Regensburger Landgericht erneut freisprach. Und es erneut als erwiesen ansah, dass er seine Frau getreten, geschlagen, gebissen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hat. Dass er die Tat womöglich im Wahn begangen hat. Dass aber die Reifenstechereien als nicht beweisbar ansah, auch wenn die Indizien nicht zu übersehen gewesen waren.

Am Ende des Wiederaufnahmeverfahrens, Donnerstag, 14. August 2014, kurz vor 13 Uhr, geht Gustl Mollath zu seinem Mercedes, den ihm ein Freund geliehen hat. Er geht langsam, nur ein Unterstützer ist bei ihm. Fast zwei Stunden nach seinem Urteil hatte er ein Interview nach dem anderen gegeben. Wie unzufrieden er sei, hatte er in jedem einzelnen betont. Wieder ein Freispruch, erneut wurde er den Wahn nicht los, keine Rehabilitation.

Am liebsten hätte Mollath den Prozess in die Länge gezogen. 30 Zeugen hatte er noch im Petto. Privatgutachter, Politiker, Steuerfahnder und einen Staatsanwalt, sie alle hätten zum Thema „Schwarzgeld“ aussagen sollen. „Mist“ hatte diese Liste Mollaths Anwalt Gerhard Strate genannt. Zweimal haben sie sich öffentlich überworfen, zweimal hat Strate versucht, seinen Mandanten loszuwerden. Vergeblich. Wie in den früheren Prozessen in den Jahren 2003, 2004 und 2006 hat Mollath nur versucht, ein Schwarzgeld-Komplott gegen sich aufzudecken, das er seiner Ex-Frau andichtete.

Doch die Verhandlung bewies, wie der Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtages ein Jahr zuvor: Einen Monster Schwarzgeld-Skandal hat es nie gegeben. Einen Rachefeldzug von Mollaths Frau auch nicht. Ebensowenig ein Komplott von ihr, in das Ärzte, Richter, Staatsanwälte und Polizisten verwickelt waren. Stattdessen bestätigte ein Rechtsmediziner die „stumpfe Gewalt“, der sie ausgesetzt war. Das Attest, das zur Wiederaufnahme geführt hat, hielt das Gericht ebenso für glaubwürdig wie die Zeugen, die von Mollaths Gewaltausbruch gegen seine Frau berichteten. Ihm glaubte das Gericht nicht, wenn er sagte, er habe sich nur gewehrt, oder die Verletzungen seiner Frau auf ihren angeblichen Sprung aus einem fahrenden Auto schob.

 

 

Eine alltägliche „Ehemann-gegen-Ehefrau“-Geschichte nennt das einer der Polizisten, die damit anfangs beschäftigt waren. Der Fall Mollath – an seinem Ende zeigt sich: Er war nichts Besonderes. Keiner der Beteiligten Beamten, Richter, Rechtsanwälte, Schöffen oder Staatsanwälte konnte sich deshalb noch daran erinnern. Und wenn dann nur daran, dass Mollath nur über Schwarzgeld reden wollte. Er habe in einer eigenen Welt gelebt, sagte die Vorsitzende Richterin Elke Escher. Und manchmal habe er nicht mehr gewusst, wann das Thema „Schwarzgeld“ angebracht gewesen sei oder nicht. Ein klarer Hinweis auf eine wahnhafte Krankheit.

Das Urteil, das die Richterin fällte, sagt nichts über Mollaths Prozess im Jahr 2006 aus. Auch nicht darüber, ob das damalige Urteil ein „Unrechts-Urteil“ gewesen sei, wie Mollaths Unterstützer es behaupten. Auch nicht darüber, ob er zu Unrecht „psychiatrisiert“ worden ist. Denn das Wiederaufnahmeverfahren war kein neuer Prozess über den alten Prozess, es ging nur um gefährliche Körperverletzung, Sachbeschädigung und Freiheitsberaubung.

Klar ist eigentlich nur geworden, wie es dazu kam, dass Mollath 2006 als gemeingefährlich galt: Der damalige Staatsanwalt wollte die Ermittlungen zu den Reifenstechereien einstellen. Ein Anwalt, dem die Reifen durchstochen worden waren, beschwerte sich daraufhin. Zu etwa der gleichen Zeit erkundigte sich der Bayreuther Psychiater, der Mollath begutachten sollte, ob außer den Misshandlungen seiner Ehefrau weitere Straftaten vorlägen. Alles gewöhnliche Vorgänge – mit einem ungewöhnlichen Ausgang: Mollath galt fortan als Gefahr für die Allgemeinheit. Dies hat das Regensburger Landgericht aber weit von sich gewiesen.

Mollath steigt in seinen Mercedes, gebrandmarkt als ein Mann, der pleiteging, seine Frau schlug, tritt, biss und würgte, sich in Schwarzgeld-Fantasien verrannte und den Medien und seinen Unterstützern eine komplexe Verschwörungstheorie auftischte, die er trotz mehrfacher Ankündigung nie beweisen konnte.

 

 

Gustl Mollath sagte, er würde gern wieder nach Nürnberg ziehen, aber da wohne ja seine Ex-Frau, die ihm das Leben schwermache. Sie sagte, sie sei froh, dass alles vorbei ist. Ihre Version der Geschichte hat das Gericht bestätigt. Sie sieht sich rehabilitiert. Jeder könne jetzt sehen, sagte sie, dass Mollath nicht der Ehrenmann sei, zu dem er sich selbst stilisiert habe.

Die Akte Mollath, Aktenzeichen 6 KLs 151 Js 4111/2013 WA., ist geschlossen.

Der Ehekrieg schwelt weiter.

Impressum

Autor:

Otto Lapp

 

Konzept:

Tobias Köpplinger

 

Verantwortlich:

Joachim Braun

 

Umsetzung:

Joachim Kreisel, Udo Müller, Tobias Köpplinger

 

Videos:

Markus Künzel, Vitali Kindsvater, Heike Fauser

 

Bilder:

Otto Lapp, Tobias Köpplinger, Ronny Wittek, Timm Schamberger (dpa), David Ebener (dpa)

 

Sprecher:

Christophe Braun
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